Die Seegerichtssäule

Das 500 Jahre alte Rätsel am See

In Seeshaupt am Dampfersteg steht eine alte, verwitterte Säule. Die einen sagen es war eine Fischereigerichtssäule, andere behaupten es war eine Seegrenze. Wiederum andere sagen sie hätte einem ganz andere Zweck gedient. Die ersten beiden Theorien stützen sich auf die Buchstaben "S-G", die auf der Säule zu lesen sind. Welchem Zweck aber diente die Säule aus dem Jahr 1522 wirklich? Wofür war sie aufgestellt worden? Hielten die Fischer des Starnberger Sees wirklich am Standort der Säule Gericht und sprachen ihre Urteile oder markierte sie doch eine Grenze im See? Eine Überlegung:

Der Dampfersteg in Seeshaupt. Südlichster Schiffsanleger am Starnberger See. Wo in den Sommermonaten die Dampfer der Seenschifffahrt täglich Passagiere an Land gehen lassen steht nur einige wenige Meter vom Anleger entfernt die Seegerichtssäule. Stark verwittert ist die fast 500 Jahre alte Tuffsteinsäule und, das gleich vorneweg, die Säule stand nicht immer an diesem Ort. Der ursprüngliche Standort war wenige Meter unterhalb der Kirchenmauer von St. Michael. Die Säule musste beim Bau des Moussonhauses weichen und wurde an den Platz am Dampfersteg umgesetzt.

Bayern im Jahr 1522

Hadrian VI. wurde in diesem Jahr zum neuen Papst gewählt und die türkischen Osmanen belagerten unter Führung von Süleyman I. die Insel Rhodos. Herzog Albrecht IV, der Weise genannt, hatte Ober- und Niederbayern gerade (1503-1505) durch den Landshuter Erbfolgekrieg erfolgreich unter eine Herrschaft gebracht und beendete mit dem Primogeniturgesetz von 1506 die Landesteilung. 1505 war das Herzogtum Pfalz-Neuburg mit der Residenz Neuburg an der Donau entstanden, das unter Herzog Ottheinrich (1522-1557) zum südlichen Mittelpunkt der Renaissance wurde.

Die Seegerichtssäule an ihrem jetzigen Standort nahe dem Dampferanleger in Seeshaupt. Ihre ware Bedeutung bleibt bislang ihr Geheimnis

Wahrscheinlich in Weilheim wurde ebenfalls im Jahr 1521 oder 22 aus Tuffstein eine knapp 2 Meter hohe Säule mit quadratischem Gurndriß hergestellt, die in Seeshaupt aufgestellt werden sollte. Leider ist uns der genaue Grund für das Aufstellen dieser Säule heute nicht mehr bekannt.

Seegerichtssäule

Allgemein wird angenommen, dass die Buchstaben "S-G" an der Seeshaupter Seegerichtssäule für "Seegericht" stehen. Doch wurden solche Innschriften zu dieser Zeit in deutsch verfaßt? Die Fischerei war für die Einwohner von Seeshaupt von großer Bedeutung. Am Starnberger See gab es insgesammt 99 Fischereirechte. Wieviele davon genau in Seeshaupt und der näheren Umgebung beheimatet waren ist unbekannt. Was aber könnte die Fischer des Sees veranlaßt haben, ihr Gericht gerade in Seeshaupt zu halten. Die Fischmeister saßen in Ambach und Possenhofen. Ob dies jedoch auch schon im Jahr 1522 so gewesen ist bleibt fraglich.

Die Fischerkapelle in Possenhofen, die auch Fischmeisterkapelle genannt wird wurde urkundlich das erste Mal in einer Steuerbeschreibung der königlichen Hofmark für das Jahr 1653 erwähnt. Das ist allerdings noch gut 130 Jahre zu spät. Ab wann also saßen die Fischmeister für den Starnberger See in Ambach und Possenhofen. Anzunehmen wäre, dass wenn es die Fischmeister im Jahr 1522 schon gegeben hätte, die Fischerei-Gerichte an diesen Plätzen gewesen wären. Der See ist schon seit Urzeiten in "Oberer" und "Unterer"-See eingeteilt. Außer der Säule in Seeshaupt wurde bislang noch an keiner anderen Stelle am Starnberger See eine weitere Säule gefunden, die einen zweiten Gerichtsplatz ausgewiesen hätte.

Ein alter Stich von Richard Püttner zeigt die Seeshaupter Säule noch an ihrem ursprünglichen Standort unterhalb der Kirchenmauer von St. Michael

Die Trennlinie zwischen Oberer und Unterer See verläuft ca. von Tutzing am Westufer nach Ammerland am Ostufer. Was, wenn wir einmal annehmen, dass die Säule in Seeshaupt den Gerichtsplatz für die Fischer des oberen See dargestellt hätte.