Villa rustica

Auferstanden nach 1800 Jahren

Ende des Jahres 2001 entschloss sich die "Gesellschaft für Archäologie und Geschichte Oberes Würmtal e. V." mit Sitz in Gauting zu einer sogenannten Rettungsgrabung. Im Dezember 2001 wurde mittels eines Minibaggers der Humus abgetragen und so die ersten Ziegel freigelegt. Von dieser Stelle aus grub man weiter und konnte schon nach relativ kurzer Zeit die ersten Mauerzüge freilegen. Sämtliche Arbeiten erledigten freiwillige Helfer der GfdA. Alle gefundenen Teile wurden gewaschen, katalogisiert und anschliessend im Depot der GfdA in Gauting sorgfälltig eingelagert. Die Archäologen stellten bei ihren Grabungen anhand der fehlenden Mauersteine fest, dass die Reste der Gutshof-Ruine schon in früherer Zeit für andere Bauwerke in der Umgebung benutzt und abtransportiert wurden. Aus purem Zufall scheint dem "Abbruchtrupp" damals aber der Hauptraum und dort im Besonderen die integrierte Fussbodenheizung - das sogenannte Hypocaustum - nicht aufgefallen zu sein. Diesem Zufall verdanken es die Archäologen, dass sie nach gut 1800 Jahren in der Villa rustica die fast vollständigen Reste dieses Heizsystems zu Tage befördern konnten. Ein weiteres Highlight für die Archäologen war die Zisterne (Brunnen), die man unmittelbar neben der Villa rustica entdeckte. Mittels der noch im Brunnenschacht vorhandenen Eichenbohlen, die einst die Wände stützten, konnte vom Labor für Dendrochronologie des Landesamtes für Denkmalschutz ermittelt werden, dass diese Eichen um das Jahr 133 n. Chr. gefällt wurden. Ausserdem war diese Zisterne wohl irgendwann unbrauchbar geworden und möglicherweise waren es schon Pintamus und seine Frau, die das Brunnenloch sozusagen als "Mülleimer" verwendeten. Hier fanden die Archäologen neben Geschirrresten auch eine Terra Sigillata-Schüssel (eine bestimmte Form römischen Tafelgeschirrs), die von einem Töpfer namens Cinnamus hergestellt wurde, der seine Töpferei in der Nähe des heutigen Ortes Lezoux in Frankreich betrieb. Auch zwei Hausschlüssel und eine Schreibtafel waren unter den gefundenen "Kostbarkeiten" aus dem Brunnen.

Im nahen Umkreis um die Villa rustica fanden die Archäologen diverse Bruchstücke des Wandverputzes und konnten so ermitteln, dass der Gutshof in den Farben Pompejanischrot, und Ocker gestrichen war. Schmale rote, grüne und schwarze Linien auf diesen Mauerresten stammen wahrscheinlich vom Dekor der Wände.

Nach einigen Diskussionen einigte man sich bei der Villa rustica auf die sogenannte "Vitrinenlösung"

Es wird davon ausgegangen, dass diese mit kassettenartigen Farbfeldern bemalt waren. Bei den Ausgrabungen stellte man fest, dass der Gutshof einigen bereits archäologisch erfassten Höfen in Britannien in seiner Bauweise sehr ähnlich war. Die Vermutung liegt nahe, dass Publius Iulius Pintamus mit seiner Reiterarmee auch in Britannien gewesen sein könnte und sich von dem dort üblichen Baustil für seinen Gutshof inspirieren ließ. Gesichert ist diese Theorie jedoch nicht. Vielleicht war auch ein Baumeister der Villa rustica irgendwann in seinem Leben in Britannien gewesen und hat den dort gesehenen Baustil beim Bau des Gutshofs in Leutstetten mit eingebracht.
Bei den Grabungen an der Villa rustica in Leutstetten machten die Archäologen einen weiteren, hochinteressanten Fund. In einer Pfostengrube fand man einige Gefäße, die mindestens 200 Jahre älter sind als die römische Villa.

Sie konnten der keltischen Latènezeit zugeordnet werden und geben den Archäologen Grund zu der Annahme, dass es am Standort der Villa rustica oder in unmittelbarer Nähe schon früher eine keltische Siedlung gab. Nachdem auf dem Areal der Villa rustica alle Grabungsarbeiten abgeschlossen waren und jedes gefundene Teilchen katalogisiert, nummeriert und fachgerecht eingelagert war stellte sich die Frage, wie nun weiter vorgegangen werden sollte. Das Hypocaustum (Fussbodenheizung) konnte nicht so einfach abtransportiert werden. Ausserdem wollte man den Fund der Öffentlichkeit nicht vorenthalten. Die Vorraussetzungen waren nicht einfach, denn die Grabungsstätte liegt auf einem Acker zwischen Leutstetten und Starnberg. Es gibt dort weder Strom noch fliessend Wasser. Nach langen Diskussionen entschied man sich für die sogenannte "Vitrinenlösung". Dabei wurde der Grundriss der Villa rustica mit der freigelegten Fußbodenheizung mittels eines Flachdaches, das auf 18 tragenden Stahlrundstützen steht, überdacht. Die Aussenwände der "Vitrine" wurden komplett mit Glas versehen, um den Besuchern die Möglichkeit zu geben, die Ausgrabung von allen Seiten zu betrachten. Um den Glasbau herum wurden die Grundmauern der römischen Villa durch Steinkörbe, sogenannte Gabionen, nachgebildet. So bekommt der Besucher einen guten Eindruck über die genauen Abmessungen des Gutshofes sowie der Aufteilung der einzelnen Räume und ihre Verwendung. Im Inneren des Glasbaus wurden einige Nachbildungen von Fundstücken zur Ansicht ausgestellt. Darunter die Grabplatte aus der Kirche St. Alto, einige gut erhaltene Tonziegel, die im Brunnen gefundenen Schlüssel, die Terra Sigillata-Schüssel und die römische Schreibtafel. Neben der Glasvitrine und den Mauernachbildungen wurde ein kleiner "Aussichtshügel" aufgeschüttet um den Besuchern auch einen leicht erhöhten Ausblick auf die Anlage zu ermöglichen.
Die Villa rustica in Leutstetten macht Geschichte, die im Fünfseenland vor fast 2000 Jahren stattfand, anschaulich und erlebbar. Der Dank für diese großartige Leistung geht an die Gesellschaft für Archäologie und Geschichte Oberes Würmtal e. V., den vielen freiwilligen Helferinnen und Helfern, die tatkräftige Unterstützung der "Fachleute" und schlussendlich natürlich einigen "Finanzspritzen" ohne die ein solches Projekt nicht umzusetzen ist.