Aber zurück zum römischen Gutshof "Villa rustica". Dieser lag einige Kilometer südlich von Gauting, das zur damaligen Zeit Bratananium hieß und einen kleineren, römischen Siedlungsschwerpunkt darstellte. Bratananium (Gauting) lag an einer Römerstrasse, die von Augsburg nach Salzburg führte und dabei Teile des Fünfseenlandes durchquerte. Solche römischen Siedlungen wurden häufig durch umliegende Gutshöfe mit Nahrung und Rohstoffen versorgt. Dies könnte auch im Fall der Villa rustica so gewesen sein.
Pintamus war von Geburt an freier römischer Bürger und diente in einer Hilfstruppe (Auxiliartruppe) von denen es nicht sehr viele gab. Eine davon war in Britannien stationiert, die andere in Raetien (Süddeutschland). Es ist also möglich, dass er schon vor seinem Ruhestand als Soldat in unserer Gegend war und sich später dazu entschloss, hierher zurückzukehren. Er schied im Alter von ca. 40 Jahren nach 25-jährigem Militärdienst aus der römischen Armee aus und könnte danach einige Zeit in Augusta Vindelicorum (Augsburg) gelebt und dort den Posten eines Stadtrates besetzt haben. Für eine Berufung in dieses Amt war ein nicht unwesentliches Vermögen notwendig. Dann aber erfolgte sie auf Lebzeit. Das Pintamus Stadtrat in Augsburg war, ist eine Vermutung. Die Inschrift auf dem Grabstein mit der Angabe, wo er sein Amt ausführte, konnte bis zum heutigen Tag nicht vollständig entziffert werden. Auch ist nicht gänzlich geklärt, wie genau Pintamus das Amt eines Stadtrates erhielt. Hierfür waren bedingungslose Integrität, eine freie Geburt (diese hatte er) und wie schon erwähnt ein gewisses Vermögen notwendig. Auch musste er den Status eines Beamten erlangt haben oder sich auf andere Weise um die Stadt verdient gemacht haben. Wie Pintamus zu Amt und Ehren kam, wie er seine spätere Frau Clementia Popeia kennenlernte und auf welchen Wegen die beiden schlussendlich an den Starnberger See kamen ist schwer zu rekonstruieren.
In dem Buch "Ein Fenster in die Römerzeit" der Autoren Stefan Mühlemeier und Michael Peters, das als Band 2 der Reihe "Starnberger Stadtgeschichte" erschienen ist, schreibt die Archäologin Ines Gerhardt sehr anschaulich einen rekonstruierten Lebenslauf des Publius Iulius Pintamus und wie sich alles zugetragen haben könnte.
Mit Steinkörben, sogenannten Gabionen, wurden die ermittelten Grundmauern der Villa rustica sehr anschaulich nachgebildet
Jedenfalls kann angenommen werden, dass Pintamus und seine Gattin den Gutshof bei Leutstetten vor fast 2000 Jahren bewirtschaftet haben. Der Gutshof befand sich in einer sehr schönen Lage. Nimmt man an, dass der Wasserspiegel des Starnberger Sees zur damaligen Zeit noch um einiges höher gewesen sein dürfte und die Bewaldung nicht vorhanden war, dann handelte es sich hier um einen Gutshof der fast am Ufer des Sees lag und von dem aus man das Alpenpanorama sehen konnte. Trotz der traumhaft schönen Lage war die Bodenqualität nur mittelmässig und so wurde der Hof nur für eine Zeit von etwa 50 Jahren bewirtschaftet. Was genau mit dem Gut nach Pintamus Tod geschah ist ebenfalls unklar.
Die Jahre gingen ins Land und langsam fing der Hof an zu verfallen und die Gebäude brachen in sich zusammen. Viel von dem noch verwendbaren Baumaterial wurde wohl später abtransportiert und für andere Bauten in der Gegend verwendet.
Dann wurden die nicht mehr verwertbaren Reste des Hofes entweder absichtlich mit Erde bedeckt, um das Gebiet landwirtschaftlich nutzbar zu machen oder es legte sich im Lauf von Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten eine Schicht aus Humus darüber und begrub die Reste unter sich. Irgendwann jedenfalls war von dem ehemals stolzen Gutshof an der Oberfläche nichts mehr zu sehen. So schlummerte dieser über Jahrhunderte unter der Erde.
Die Nachbildung der im Brunnen gefundenen Terra Sigillata-Schüssel des französischen Töpfers Cinnamus und der römischen Schreibtafel
Im Jahr 1978 wurden dem Landesamt für Denkmalpflege die ersten Funde auf dem Areal der Villa rustica gemeldet. Nachdem der damalige Konservator des Landesamtes - Dr. Erwin Keller - den Ort besucht hatte, wurde die Stelle beim Denkmalamt als römische Siedlungsstelle vermerkt. Trotzdem wurde der Boden weiterhin landwirtschaftlich genutzt und gepflügt.