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Die ehemals kurfürstliche Mühle zu Seeshaupt

Eine andauernde Recherche über eine fast vergessene Mühle

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Die Mühle zu Seeshaupt – Wie alles begann ...

Das Gebiet am Südende des Starnberger See, die Osterseen hinauf bis Iffeldorf, gehört zu den schönsten Moorgebieten Europas. Wie die Monumenta Ettalensa weiss, kaufte Ludwig der Bayer 1341 diese Ländereien für 60 Pfund Münchner Pfennige Berchtoldt von Seefeldt ab und vergibt sie an das Ritterstift zu Ettal als frei lediges Eigentum. Erst 1753 tauscht Kurfürst Maximilian III. Joseph (1727 – 1777) die Gebiete wieder von Kloster Ettal zurück. Damit ging auch die Mühle zu Seeshaupt in seinen Besitz über, die am Ausfluss des Moores in den Starnberger See stand. Heute ist sie vergessen! Von ihr und den Müllersfamilien möchte ich in dieser Geschichte erzählen und an sie erinnern …

Ich muss die Geschichte der Seeshaupter Mühle endlich beginnen. Die Recherchen ziehen sich! Genaue Fakten zu finden ist aufwändig. Ich habe viele Stunden und Tage in Archiven verbracht und in uralten Büchern geblättert. Eines dieser Bücher war so groß, dass man es zu zweit aus dem Regal heben musste. Aber dazu später … Beginnen wir am Anfang. Ich habe das Buch „Die Fischerrosl von St. Heinrich“ von Maximilian Schmidt (1832 – 1919), gelesen. In dieser Liebesgeschichte um die Fischerstochter Rosl am Starnberger See, gibt es eine Textstelle, an der Schmidt Rosls Schulweg nach Seeshaupt beschreibt. Hier heißt es:

„Der Weg führt anfangs dem Seeufer entlang, dann etwas landeinwärts an der Seeshaupter Mühle vorüber, woselbst der Würmsee durch die Einmündung des dem nahen Oster- und den Moosseen entstammenden Mühlbaches seinen reichsten Zufluß enthält …“

Aus „Die Fischerrosl von St. Heinrich“ von Maximilian Schmidt

Zuerst fiel mir diese Passage nicht bewusst auf. Sicher, am Ortsrand von Seeshaupt, Richtung St. Heinrich steht ein altes Gebäude, ein ehemaliges Wasserkraftwerk mit Turbine. Hier wurde früher Strom für das Hotel Lido und dem dazugehörigen Restaurant erzeugt. Die Häuser hatte 1923 der Elektrizitätswerksbesitzer Fritz Haas erbaut und dieser konnte wohl hier angesichts des nahen Baches die Stromgewinnung nicht sein lassen. Das baufällige Gebäude kennen alle Einheimischen und jedem Durchreisenden fällt es sofort auf, weil es nicht gerade eine Zier am Ortseingang einer vom Tourismus lebenden Gemeinde ist.

„Und funktioniert hat das Kraftwerk auch nie!“ sagen die Alten. Die Lichter hätten ewig geflackert. Das Hotel Lido, das gegenüber lag, wurde von der Turbinenkraft mit Strom versorgt. Über Rosl, die Protagonistin des Buches und ihren Schulweg, an der Mühle vorbei, habe nicht weiter nachgedacht. Wenige Zeit später, laß ich das Buch „Beschreibung des Würm- oder Starenberger Sees“ von Lorenz von Westenrieder (1748 – 1829), das 1784 bei Johann Baptist Strobel in München verlegt wurde. Hier stieß ich auf eine Stelle, an der Westenrieder beschreibt, wie er bei einem Segelausflug auf dem damals noch Würmsee genannten See von einem Unwetter überrascht und das Boot durch die starken Winde an Land gedrückt wurde. Die Segler strandeten nahe der Stelle, an der das alte Turbinengebäude am Lido heute noch steht.

„Da es noch immer Ströme von Regen herabgoß, eilten wir dem nächsten Haus, das eine Mühle war, zu.“

Aus „Beschreibung des Würm- oder Starenberger Sees“ von Lorenz von Westenrieder

Die Mühle zu Seeshaupt – Alte Landkarten …

Bei Maximilian Schmidt, der durch Prinzregent Luitpold den vererbbaren Titel “genannt Waldschmidt” erhielt und dessen Buch “Die Fischerrosl von St. Heinrich” 1884 erschien, hätte die Mühle Fiktion sein können. Das ganze Buch, die Liebesgeschichte, die Protagonisten, alles ausser der Landschaft ist hier Fiktion. Warum also nicht auch die Mühle. Anders verhält es sich bei Westenrieder. Er schrieb mit “Beschreibung des Würm- oder Starenberger Sees” keinen Roman, keine Fiktion, sondern einen Reiseführer. Dieser erschien, wie oben schon erwähnt, 1784 und hier war die Mühle real. Ich wollte herausfinden, was es mit der Seeshaupter Mühle auf sich hatte. Ich fragte Verwandte und Bekannte wegen der Mühle, bekam aber immer nur die Geschichte von der Turbine zur Stromerzeugung zu hören. So begann ich, alte Karten von Bayern im Internet zu durchforsten und stellte schnell fest, dass schon lange bevor Westenrieder sein Buch schrieb, dort ein Mühlrad verzeichnet war. Es muss also schon vor dem Turbinenhaus von Fritz Haas hier eine Mühle gestanden haben. Lange vorher!

Das alte Turbinenhaus von Fritz Haas in der St. Heinricher Straße. Am selben Ort stand einst die kurfürstliche Mühle zu Seeshaupt …

Das alte Turbinenhaus von Fritz Haas in der St. Heinricher Straße. Am selben Ort stand einst die kurfürstliche Mühle zu Seeshaupt …

Mühlen waren lange Zeit ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Die Seeshaupter Mühle lieferte über 2 Mühlräder die Kraft für einen Säge- und zwei Mahlgänge

Mühlen waren lange Zeit ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Die Seeshaupter Mühle lieferte über 2 Mühlräder die Kraft für einen Säge- und zwei Mahlgänge

Spurensuche Mühle - Staats- und Hauptstaatsarchiv München

Die historischen Karten von Bayern halfen nicht weiter. Zwar war ein Mühlrad eingezeichnet aber mehr war nicht zu holen. Ich musste anderswo recherchieren. Meine nächste Anlaufstelle war das Staatsarchiv in München. Nach einem Telefonat, bei dem ich mein Anliegen beschrieb, wurde mir mitgeteilt, dass Katasterbücher und so weiter, mir bis nächste Woche zur Einsicht bereitstünden. Katasterbücher und so weiter – aha! Ich machte mich in der folgenden Woche auf ins Münchner Staatsarchiv und wurde bei der Archivleiterin vorstellig. „Ach, Herr Müller … kommen’s gleich mit, wir haben schon alles hergerichtet…“ Ich dackelte hinter ihr her und stand dann vor einem großen Wagen mit unzähligen alten Büchern. Sie muss meinen Gesichtsausdruck gesehen haben und sagte nur kurz: „Ja, alles für Sie!“ Ich schob den mit Büchern überladenen Wagen unter den verwunderten Blicken der anderen Besucher vorsichtig durch den Lesesaal und suchte mir einen Platz in den hinteren Reihen. Guter Einstand hier! Weil ich nicht wusste, mit welchem ich beginnen sollte, nahm ich das oberste Buch und schlug es vorsichtig auf. Gleich stellte sich die nächste Herausforderung! Die Bücher waren mit Feder und Tinte in alter Handschrift geschrieben, die ich nur mit Müh und Not und vor allem sehr langsam lesen konnte. Na toll, dass kann jetzt dauern! Egal ich blätterte und blätterte, kam einige Tage später wieder und blätterte weiter und wiederum einige Tage später kam ich erneut, um zu blättern. Gefunden hatte ich bislang nichts. Erst einmal eine Zigarette rauchen gehen! Als ich vor dem Archiv auf und ab lief, sah ich einen älteren Herrn, der ebenfalls rauchte. Ich ging zu ihm – die üblichen Raucher-Sprüche – dann fragte ich, ob er auch hier etwas recherchiere. Er lächelte und antwortete: „Ja, seit mehr als vierzig Jahren“. Ich schaute ihn verwundert an und er erzählte mir, dass er seit dieser Zeit für das Hauptstaatsarchiv arbeite.

„Und nach was suchen Sie?“ fragte er mich und ich erzählte ihm von der Mühle und den vielen Büchern, oben auf dem Archivwagen. “So ein Schmarrn!” polterte es aus ihm heraus. Für einen kurzen Moment fehlten mir die Worte, weil ich mit solch einer Reaktion nicht gerechnet hatte. Ich fragte vorsichtig, warum das ein Schmarrn sei. “Weils’t in dene Biacha nix finds’t, darum” erklärte er mir und gleich darauf “jetzt kimmst amoi mit mia mit Bua!”. Also ging ich hinter Gerhard Reiprich her in Richtung Hauptstaatsarchiv. Er führte mich durch den gediegenen, alten Lesesaal und dann in die “Katakomben” des Archivs. Zwischen langen Reihen von Regalen bogen wir mehrmals links und rechts ab, bis wir scheinbar am richtigen Regal angekommen waren. Alleine hätte ich sicher hier nie wieder rausgefunden! Herr Reiprich suchte kurz und sagte dann: “do is es des gute Stück!” Wir hoben das größte Buch, das ich je gesehen hatte aus dem Regal. Es wog gefühlte 100 Kilo und war riesig: die Konskription des Pfleggerichts Weilheim von 1752. Er blätterte kurz darin und sagte schnell: “ Do is dei Mühle!” Gefunden! Endlich! Herr Reiprich ging dann noch mit mir ins Staatsarchiv und gab dort genaue Anweisung, welche Bücher und Unterlagen man mir bis zum nächsten Besuch bereitstellen solle. Und dass man den ganzen Schmarren auf dem Wagen gleich wieder einräumen könne! Ich hatte das Gefühl, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis mich hier im Staatsarchiv niemand mehr mag.

Eine der ersten Entdeckungen: die Mühle ist in einer Karte aus dem Jahr 1830 verzeichnet. Etwa einen Kilometer östlich der Ortschaft Seeshaupt gelegen

Eine der ersten Entdeckungen: die Mühle ist in einer Karte aus dem Jahr 1830 verzeichnet. Etwa einen Kilometer östlich der Ortschaft Seeshaupt gelegen

Die erste Fundstelle eines Müllers in der Konskription des Pfleggerichts Weilheim von 1752. Im Bild ist zu sehen, dass die Mühle einst zum Kloster Ettal gehörte

Die erste Fundstelle eines Müllers in der Konskription des Pfleggerichts Weilheim von 1752. Im Bild ist zu sehen, dass die Mühle einst zum Kloster Ettal gehörte

Die Müller Mathias und Leonhard ...

Ich hatte den ersten Müller gefunden! Vor allem wusste ich nun, dass die Mühle schon vor 1752 bestand (Westenrieder war ja erst 1784). Sie war das größte Unternehmen im damals noch “Dorf Seßhaüpt” genannten Seeshaupt. Der Müller, der sie bewirtschaftete, hieß Mathias. Nur wie war der Nachname, Grig? Prig? Preiss? Selbst der erfahrene Archivar konnte es nicht zweifelsfrei entziffern. Dafür fanden wir in der “Hofanlage von 1760” noch einen weiteren Namen: Leonhard. Allerdings auch hier das Problem mit dem Nachnamen. Nicht entzifferbar! Aber es war ein erfolgreicher Tag. Ich hatte zwei Müller gefunden und wusste außerdem, dass die Mühle schon um viele Jahre länger bestand, als ich ursprünglich angenommen hatte.

Urvermessung und Seeshaupter Au ...

Parallel zu den Recherchen nach den Müllerfamilien stöberte ich weiter in alten Landkarten. Dabei stieß ich auf die Uraufnahmeblätter beim Landesamt für Vermessung und Geoinformationen in München. König Max I. Joseph hatte 1808 die königliche Steuervermessungskommission gegründet, deren Ziel es war, alle Grundstücke in Bayern genau zu vermessen um die Grundsteuer berechnen zu können. Diese Vermessung dauerte von 1808 bis 1864. Danach war jeder Millimeter Bayerns exakt vermessen. Weil im Internet nur eine sehr kleine Version des Kartenteils, der für mich wichtig war, zur Verfügung stand, fuhr ich ins Vermessungsamt und kaufte die Aufnahme in höherer Auflösung. Seeshaupt und Umgebung wurden 1861, also kurz vor Abschluß des Mammutprojektes, vermessen und erstmals sah ich die alte Mühle als Gebäude in einer Karte eingezeichnet. Sie stand exakt an dem selben Ort wie noch heute das alte Turbinenhaus. Als weiteres Highlight entdeckte ich auf der Karte, dass die Gegend um die Mühle als „Seeshaupter Au“ bezeichnet wurde. Eine Ortsbezeichnung, die heute vollkommen vergessen ist. Hier vereinen sich kurz vor der Mühle die Ach, die aus den südlicheren Osterseen gespeist wird und der Bodenbach. Die Kraft beider Bäche lieferte die Energie für die Mühle. Wie wunderbar muss die Landschaft ausgesehen haben, als die vereinten Bäche noch durch eine breite Auenlandschaft in den Starnberger See flossen.

Kurfürstlich!

Die nächste wichtige Endeckung machte ich in der Archivalischen Zeitschrift von Theodor Ackermann aus dem Jahr 1912. Hier wurde in einem kurzen Abschnitt erwähnt, dass Kurfürst Maximilian III. Joseph am 17. September 1753 das Weghausgut bei Eschenlohe an das Kloster Ettal gegen die Mühle zu Seeshaupt und all den zu ihr gehörenden Gerechtigkeiten tauscht. Hier ging es insbesondere um die Fischereigerechtigkeit im Starnberger See und in der Ach. Bis zu dieser Zeit war die Seeshaupter Mühle an die Benediktinerabtei Kloster Ettal angeschlossen, weil Ludwig der Bayer um 1341 das Gebiet südlich des Starnberger Sees, von den Osterseen bis Iffeldorf, für 60 Pfund Münchner Pfennige von Berchtoldt von Seefeldt gekauft und bald darauf an das Ritterstift zu Ettal vermacht hatte. Die Seeshauter Mühle war also kurfürstlich! Das ist doch auch schon mal etwas.

Über die Mühle selbst ...

Über die Mühle selbst habe ich bislang nur wenig Informationen gefunden. Dafür hochinteressante! In der Karte des Landesamtes für Vermessung und Geoinformationen ist die Mühle nämlich mit zwei Mühlrädern eingezeichnet. Das gab es in unserer Gegend selten. Wie aus einigen Recherchen im Internet hervorging, hatte die Mühle einen Säge- und zwei Mahlgänge. Es wurde Holz geschnitten und Korn gemahlen. Auch eine Kohlstatt gab es auf dem Gelände. Hier wurden Kohlemeiler errichtet in denen Holz zu Holzkohle verkohlt wurde. Die Seeshaupter Mühle schien also durchaus kein kleiner Betrieb gewesen zu sein. Der Mühlfrieden, die Ländereien die zur Mühle gehörten, waren weitläufig und lagen zu beiden Seiten der Bäche Ach und Bodenbach stromaufwärts. Weil man aus Mehl, das in den Mühlen aus Korn gemahlen wurde, Brot und andere für das Überleben notwendige Grundnahrungsmittel herstellen konnte, gab man den Mühlen einen besonderen Schutz: den sogenannten Mühlfrieden. Geschah hier ein Verbrechen, wurde dies oft härter bestraft, als wenn es nur einige hundert Meter weiter geschehen wäre. Man kann sich die Seeshaupter Au mit der Mühle als pitoreskes Fleckchen Erde vorstellen auch wenn das Leben in dieser Einöde sicher schwer und entbehrungsreich gewesen sein muss. Seeshaupt bestand damals aus nur wenigen Häusern und bis zur Mühle sind es 1,5 Kilometer. In die andere Richtung, nach St. Heinrich, das zu dieser Zeit ca. 5 Häuser hatte, ist es etwa gleich weit und danach kommt erst einmal nichts mehr bis Ambach oder Beuerberg. Im Norden liegt der Starnberger See und südlich der Mühle bis Iffeldorf erstrecken sich die Moore und Gewässer der Osterseen. Schon oft habe ich darüber nachgedacht, wie weit Holz und Getreide, das in der Mühle verarbeitet wurde, wohl an- und abtransportiert werden musste. Wurden sie gar über den Starnberger See zur Mühle transportiert oder auf Pferdefuhrwerken über den Landweg? Abbildungen der alten Mühle habe ich bislang leider keine gefunden. Außer Westenrieder, Schmidt und einigen Steuerbeamten oder Gerichtsdienern hat die Mühle wohl niemand wahrgenommen. Kein Maler, kein Fotograf, kein Irgendwer. Aber ich bleibe zuversichtlich, vielleicht findet sich ja irgendwann doch noch etwas.

In der Urvermessungskarte von Bayern ist die Mühle detailiert eingezeichnet. Hier erkennt man deutlich die zwei Mühlräder. Die Kohlstatt ist ebenfalls eingezeichnet

In der Urvermessungskarte von Bayern ist die Mühle detailiert eingezeichnet. Hier erkennt man deutlich die zwei Mühlräder. Die Kohlstatt ist ebenfalls eingezeichnet

Kurfürst Maximilian III. Joseph tauscht das Weghausgut bei Eschenlohe gegen Mühle und Osterseen. Fast 400 Jahre besaß Kloster Ettal diese Ländereien

Kurfürst Maximilian III. Joseph tauscht das Weghausgut bei Eschenlohe gegen Mühle und Osterseen. Fast 400 Jahre besaß Kloster Ettal diese Ländereien

Wie mag sie wohl ausgesehen haben, die ehemals kurfürstliche Mühle in Seeshaupt am Starnberger See. Wenn ich besser zeichnen können würde …

Wie mag sie wohl ausgesehen haben, die ehemals kurfürstliche Mühle in Seeshaupt am Starnberger See. Wenn ich besser zeichnen können würde …

Der Müller Joseph Reiß …

Ich bin wieder im Staatsarchiv in München und wühle mich durch neue Berge von alten Büchern. Diesmal sind es Briefprotokolle des Amtsgerichts Weilheim und des Rentamts. Innerlich fluche ich über die längst dahingeschiedenen Beamten, weil sie eine solche “Sauklaue” hatten und ich mich wieder sehr schwer tue, ihre Schrift zu entziffern. Doch plötzlich sticht mir aus dem geschwungenen Schriftbild ein Name entgegen: Reiß. Ich habe einen Familiennamen gefunden! Endlich! Die Familie, die die Mühle bewirtschaftete, hieß Reiß. Ich entziffere den Vornamen und lese Joseph. Das Datum des Eintrags ist der 30. Mai 1831. Ich habe einen weiteren Müller der Seeshaupter Mühle gefunden, Joseph Reiß. Mühsam versuche ich das Geschriebene vor und nach der Fundstelle des Namens zu entziffern, aber es ist wieder schwer. Flurnummern sind hier niedergeschrieben. Den Zusammenhang kann ich zunächst nicht erkennen. Irgendetwas wurde hier amtlich beglaubigt oder bestätigt, aber der Zusammenhang erschließt sich mir nicht. Ich gebe die Seiten in die Scanabteilung. Hierzu muß man kleine Papierstreifen falten und die zu scannenden Seiten damit einmerken. Das Falten der Papierstreifen ist eine Wissenschaft für sich, denn durch Knicke zeigt man an, welche der beiden Seiten zwischen denen das Papier eingelegt wird gescannt werden soll. Für mehrere Seiten in Folge gibt es eine eigene Falttechnik um dies anzuzeigen. Egal, ich lasse lieber ein paar mehr Seiten scannen und kann dann Zuhause in Ruhe versuchen, das Geschriebene zu entziffern. Einige Tage später erreicht mich die CD aus dem Staatsarchiv mit meinen Scanns. Sofort setze ich mich daran und versuche die alte Schrift zu lesen. Langsam, Wort für Wort erschließt sich mir der Inhalt des Dokumentes. Joseph Reiß übergibt die Mühle, die er bewirtschaftet, am 30. Mai 1831. Er ist wohl zu dieser Zeit schon älter und nun vermacht er die Mühle an, an – ach wenn ich es nur lesen könnte. Plötzlich trifft es mich wie ein Donnerschlag. Er übergibt die Seeshaupter Mühle an Maria Reiß, die Müllerstochter!

Eine Müllerin gab es also auch …

Das ist für mich eine Sensation, am 30. Mai 1831 überschreibt der Müller Joseph Reiß die Mühle zu Seeshaupt an seine Tochter Maria und diese führt sie ab diesem Zeitpunkt weiter. Eine Müllerin im Jahr 1831, dass ist wohl eher ungewöhnlich! Der Beruf war hart und körperlich anstrengend. Sofort erinnere ich mich an Westenrieder. Er sprach in seiner Beschreibung des Starnberger See davon, dass die Kinder des Müllers so vorzüglich schreiben konnten und er dies von einer Familie, die in solcher Einöde lebt, nicht erwartet hatte. Kann Maria Reiß eines dieser Kinder gewesen sein? Westenrieder veröffentlichte sein Buch 1784, Maria Reiß wäre also zum Zeitpunkt der Mühlenübergabe mindestens 50 Jahre alt gewesen. Das erscheint mir ein wenig zu alt, um mit der Bewirtschaftung einer so großen Mühle zu beginnen. Außerdem wäre sie dann sicher schon verheiratet gewesen und hätte nicht mehr Reiß geheißen.

Georg Reiß ...

In den Briefprotokollen finde ich auch Eintragungen über Georg Reiß. Leider habe ich das Geschriebene noch nicht ganz entziffert. Georg scheint mit Maria verwandt zu sein. Waren sie Geschwister? Wenn ja, frage ich mich, warum die Tochter die Mühle übernimmt und nicht der Sohn? War Georg nicht willens oder nicht in der Lage, die Mühle zu führen?

Johann Georg Keller ...

Ein weiterer Name taucht in den Akten auf: Johann Georg Keller. Anfangs ist unklar, was er mit Familie Reiß zu tun hat und welche Verbindung es zwischen ihnen gab. Keller unterschrieb zunächst auf einem Dokument des Amtsgerichts Weilheim gemeinsam mit Maria und Joseph Reiß sowie einigen weiteren Personen. Es sollte sich erst nach weiteren Besuchen im Staatsarchiv herausstellen, dass plötzlich nicht mehr von Maria Reiß sondern von Maria Keller die Rede ist. Georg Keller und Maria Reiß haben geheiratet und betrieben gemeinsam die Seeshaupter Mühle. Wie lange sie sie bewirtschafteten blieb allerdings bislang im Dunkel der Geschichte verborgen.

Fast schon eine kleine Sensation: es gab eine Müllerin! Ihr Name war Maria Reiß. Sie bekam 1831 die Seeshaupter Mühle von ihrem Vater Joseph Reiß übergeben

Fast schon eine kleine Sensation: es gab eine Müllerin! Ihr Name war Maria Reiß. Sie bekam 1831 die Seeshaupter Mühle von ihrem Vater Joseph Reiß übergeben

Der Bodenbach, kurz bevor er sich mit der aus den Osterseen kommenden Ach vereinigt. Die beiden Bäche lieferten die Energie für den Betrieb der Mühle

Der Bodenbach, kurz bevor er sich mit der aus den Osterseen kommenden Ach vereinigt. Die beiden Bäche lieferten die Energie für den Betrieb der Mühle

Spurensuche Mühle - Schneider und Haas …

Der nächste Besitzer der Mühle, den ich ausfindig machen konnte, war ein gewisser Herr Schneider. Von ihm spricht Kaplan Mathias Graf in seiner Chronik über Seeshaupt. Schneider war im Jahr 1892 der Besitzer des großen Anwesen. Ob er die Mühle betrieb oder nur das Grundstück besaß, verschweigt die Chronik leider. Erst Jahrzehnte später geht das Mühlenanwesen in den Besitz von Fritz Haas über, der an die Stelle, an der die alte Mühle stand, ein neues Gebäude bauen ließ, in dem eine Voith-Turbine Strom erzeugte. Dieser wurde für Stromstoßbehandlungen in der Kurklinik, die von Dr. med. Graf von Reipperg geleitet wurde, gebraucht. Haas hatte das ganze Mühlen-Gelände umgestaltet und in eine Wohlfühloase verwandelt. Er hatte ein Kaffee gebaut und eröffnet und auf dem kleinen, aufgestauten Weiher fuhren Gondeln im venezianischen Stil. In dem angrenzenden Park wurden unzählige bunte Lampen installiert und Live-Musik sorgte für gute Unterhaltung. Auf der anderen Seite der Straße, die das Mühlenanwesen durchschneidet, entstand das Strandbad „Lido“ mit großzügiger Auskleidehalle. Hier gab es auch ein großes Bierzelt für die „Wasserscheuen“, in dem Sonntags auswärtige Musikkapellen konzertierten. Es muss ein umwerfendes Spektakel gewesen sein, das sich um das Jahr 1930 auf dem Mühlengelände bei Seeshaupt abgespielt hatte.

Die Chronik von Georg Sterff ...

Die Suche nach Informationen über die ehemals kurfürstliche Mühle zu Seeshaupt wird umso schwieriger, umso weiter man in die Vergangenheit zurückgeht. Kurz vor der Erstellung dieses Textes erreichte mich ganz überraschend eine weitere und sehr interessante Information. In der Chronik von Georg Sterff ist ein Bild des alten Hotel Lido mit dem Mühlengebäude im Hintergrund abgebildet. Hierzu schreibt Sterff: “Erbaut 1640 – 1902 ging die Mühle ein”. 1640! Das ist die am weitesten zurückliegende Jahreszahl, die ich bisher gefunden habe. Woher Sterff diese Zahl kennt, ist mir bislang nicht bekannt. Ob die Mühle wirklich in diesem Jahr erbaut wurde, muss ich überprüfen. Hier wird auch ein Ausdruck, den ich vor langer Zeit im Hauptstaatsarchiv eher zufällig gemacht habe, wieder interessant. Darauf entziffere ich den Namen Wolfgang ???? und schon seitdem ich den Eintrag das erste Mal gesehen habe, lese ich hinter seinem Namen die Bezeichnung “Miller”. Sollte die Mühle zu Seeshaupt also noch älter sein? Es bleibt also auf jeden Fall spannend!

Zum Abschluß …

Als ich das erste Mal über eine Information zur Seeshaupter Mühle stolperte, dachte ich nicht im Traum daran, dass sich die Recherchen so schwierig und langwierig gestalten würden. Vieles ist im Dunkel der Vergangenheit verborgen und nur schwer ans Licht zu bekommen. Etwas traurig stimmt mich die Tatsache, dass es hier in Seeshaupt eine solch große Mühle gab, die seit so unglaublich langer Zeit bestand und davon kaum mehr jemand etwas weiss. Sie ist vergessen! Der größte Betrieb in diesem kleinen Ort, der für die Menschen dieser Gegend überlebensnotwendig war, ist im Nebel der Geschichte verschwunden. Die Gebäude, die heute noch dort stehen, verfallen und bald soll ein Hotel an diese Stelle gebaut werden. Dann wird sich endgültig niemand mehr an die ehemals kurfürstliche Mühle zu Seeshaupt erinnern. Es ist eine Schande! Andere Orte werben damit, dass sie vor vielen Jahrhunderten eine Mühle hatten. Hier geriet es in Vergessenheit. Auch ärgert mich, dass in Zeiten, in denen ständig über erneuerbare Energieformen diskutiert wird und wie Energie regenerativ erzeugt werden kann, es trotzdem unmöglich ist, die Wasserkraft aus Ach und Bodenbach zur Energiegewinnung zu nutzen. 1947 sind die Wasserrechte auf diesem Gelände verfallen. Sie wieder aufleben zu lassen, scheint ein Ding der Unmöglichkeit. Dabei könnte hier eine nicht unwesentliche Menge Strom im Einklang mit der Natur erzeugt werden. Hierfür fehlt es jedoch scheinbar am Willen und am Idealismus. Dafür regieren Bürokratie und Rotstift.

Die Recherche geht weiter

Ich werde weiterhin versuchen, Details über die Mühle herauszufinden und vielleicht kann ich eines Tages doch noch die komplette Geschichte über die ehemals kurfürstliche Mühle zu Seeshaupt und die Familie Reiß, die diese Mühle mindestens über 4 Generationen betrieb, schreiben. Auf jeden Fall möchte ich mich gerne dafür einsetzen, dass auf einer Schautafel an diese historische, bei Zeiten kurfürstliche Mühle erinnert wird. Vielleicht ist es sogar zu schaffen, an dieser Stelle ein Wasserrad zu errichten, das sich langsam mit dem Strom des kleinen Flusses dreht und die Erinnerung an die Mühle zu bewahren hilft. Das wäre ein Traum!

Weiteres …

Derzeit laufen die Planungen für ein Hotel auf dem Gelände des Strandbad Lido. Die beteiligten Parteien können aber scheinbar wegen der Bettenzahl der Anlage nicht leicht zu einem Konsens finden. Das alte Turbinenhaus von Fritz Haas soll abgerissen werden. An dieser Stelle soll ein Gebäude mit Personalwohnungen entstehen.

Alle Versuche an der Stelle der Seeshaupter Mühle wieder mit Wasserkraft Strom zu erzeugen (wenn auch wenig) scheinen zum Scheitern verurteilt. Es sind zu viele Parteien beteiligt und von Seiten der Genehmigungsbehörden scheint an regenerativer Energie auch wenig Interesse zu bestehen.

Der Seeshaupter Reinhard Mauritz engagiert sich stark für eine Renaturierung des Gewässerlaufes von Ach und Bodenbach. Durch die Wehranlagen der Turbine ist es den Fischen nicht möglich, in die Osterseen zum Laichen zu schwimmen. Mauritz zählte am Unterlauf über 2400 Fische, von denen es nur 36 schaffen, die Wehre zu überwinden.

Wir werden hier auf http://www.fuenfseenland.de weiterhin über die Recherchen zur Seeshaupter Mühle auf dem Laufenden halten.
Wenn Sie selbst etwas über die Seeshaupter Mühle wissen sollten, würden wir uns natürlich freuen, wenn Sie und kontaktieren.

Laut Sterff-Chronik wurde die Mühle 1640 erbaut. Auf diesem Schriftstück von 1601 könnte nach dem Namen Wolfgang „miller“ stehen. Gab es sie damals schon?

Laut Sterff-Chronik wurde die Mühle 1640 erbaut. Auf diesem Schriftstück von 1601 könnte nach dem Namen Wolfgang „miller“ stehen. Gab es sie damals schon?

Zwei Mühlräder schöpften aus dem mit der Ach vereinten Bodenbach die Energie zum Mahlen von Korn und Getriede sowie zum Sägen von Bauholz ...

Zwei Mühlräder schöpften aus dem mit der Ach vereinten Bodenbach die Energie zum Mahlen von Korn und Getriede sowie zum Sägen von Bauholz ...

Da die Wasserrechte verfallen sind, ist es unmöglich an der Stelle der alten Mühle Strom zu gewinnen. Schade bei soviel Diskussion über regenerative Energie

Da die Wasserrechte verfallen sind, ist es unmöglich an der Stelle der alten Mühle Strom zu gewinnen. Schade bei soviel Diskussion über regenerative Energie

Nachtrag …

Wie ich in der Seeshaupter Dorfzeitung gelesen habe, soll die Mühle bereits im Jahr 1403 bestanden haben. Ich werde versuchen, diesen Informationen im Staatsarchiv auf den Grund zu gehen.

Die kurfürstliche Mühle zu Seeshaupt

Weitere Informationen

GPS-Koordinaten

47°49’08.4″ Nord

11°19’14.4″ Ost

Kontakt:

Die kurfürstliche Mühle zu Seeshaupt
christian mueller
Lustseeweg 3
82402 Seeshaupt

Tel.: +49 (0) 8801-9146969
Fax: +49 (0) 8801-9146968
eMail: info@fuenfseenland.de