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Der nackte Herzog in der Badeanstalt Lidl

Das erschütternde Schicksal des Herzog Siegfried in Bayern

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Der nackte Herzog – Das Schicksal von Siegfried in Bayern

Manche Geschichten sind so unglaublich, dass jeder sofort denkt, sie währen frei erfunden. So etwas kann nicht sein! Die vom nackten Herzog in der Badeanstalt Lidl in Seeshaupt, dort wo heute der schöne Biergarten am See ist, ist eine solche Geschichte. Was auf den ersten Blick belustigend wirken mag, ist in Wahrheit an Tragik nicht zu übertreffen. Eine tragisch-komische Geschichte, keinesfalls zum Lachen! Sie handelt von Siegfried August Maximilian Maria in Bayern, der am 10. Juli 1876 in Bamberg geboren wurde.

Herzog Siegfried war der älteste von drei Söhnen des Herzogs Max Emanuel in Bayern und seiner Gemahlin, Amalie von Sachsen-Coburg und Gotha. Die drei Geschwister hatten in jungen Jahren schwere Schicksalsschläge zu verkraften. Erst starb am 12. Juni 1893 der Vater in Feldafing an einer von einem Geschwür ausgelösten Magenblutung und schon am 6. Mai 1894 verstarb die Mutter, nachdem sie bei der Pflege des an Scharlach leidenden Siegfried selbst schwer erkrankte. Innerhalb eines Jahres waren die drei Brüder Vollwaisen. Ihr Onkel, Herzog Carl Theodor in Bayern, ein Bruder von Kaiserin Elisabeth von Österreich (Sisi) und seine zweite Frau Marie José von Portugal nahmen sich der drei Waisen an. Die beiden wollten die elternlos gewordenen Kinder sogar in die eigene Familie aufnehmen, was die Großmutter der Kinder, Clementine d’Orléans, jedoch entschieden ablehnte. Siegfried war zu diesem Zeitpunkt 17 Jahre alt, sein Bruder, Herzog Christoph Joseph Clemens Maria in Bayern 15 und der Jüngeste, Luitpold Emanuel Ludwig Maria Herzog in Bayern, gerade einmal 3 Jahre.

Herzog Siegfried, eine gute Partie

Siegfried war ein stattlicher, jungen Mann. Er sah gut aus und schien alle Voraussetzungen zu erfüllen, die man an ihn als Erstgeborenem stellte. Auch in der Gesellschaft bewegte er sich eloquent und sicher. Er übernahm als Großprior des Ritterordens vom Heiligen Georg represäntative Aufgaben, war Hubertusritter und Mitglied des Historischen Vereins von Oberbayern. Eine gute Partie! Außerdem war er wie sein Vater ein begnadeter Reiter und auf der Reitbahn von Riem bei München aber auch auf vielen anderen Rennbahnen wohlbekannt. Als Siegfried mit 18 Jahren die Volljährigkeit erreichte, wurde ihm Max Freiherr von Redwitz als Adjutant zur Seite gestellt. Dieser übernahm wohl auch die Erziehung der beiden jüngeren Brüder.

Unfall auf der Pferderennbahn …

Am 23. Juni 1899 trat Herzog Siegfried bei einem Reit- und Springturnier an und gewann das erste Rennen. Beim Zweiten, bei dem er als Favorit in den Sattel stieg um den Parcours fehlerfrei zu reiten, überschlug er sich mit seinem Pferd und verletzte sich lebensgefährlich am Kopf. Sein Pferd war an einem Hindernis hängengeblieben und Siegfried in die Luft geschleudert worden. Er stürzte senkrecht auf den Kopf und blieb regungslos liegen. Erst dachte man sein Genick sei gebrochen, stellte aber fest, dass er noch am Leben war und brachte ihn in ein Krankenhaus. Dort lag er mehrere Tage im Koma. Als sein Zustand sich besserte, zog die herzogliche Familie nach Possenhofen. Die Ärzte waren mit der Genesung des Patienten zufrieden. Jedoch wirkten Siegfrieds Augen seltsam und auch er selbst beklagte sich darüber. Er war zu diesem Zeitpunkt 22 Jahre alt und kurz nach seinem Unfall begann sich seine Persönlichkeit zu verändern. Er verlobte sich 1902 mit Erzherzogin Maria Annunziata von Österreich, einer Nichte des Kaisers Franz Joseph I. von Österreich. Diese wurde schon kurz später, in gemeinsamen Einverständnis, wieder gelöst, weil sich bei Siegfried, seltsames Verhalten und erste auffällige Verhaltensstörungen zeigten. Häufig litt er an Verfolgungsideen und akustischen Halluzinationen. Glaubte, die Menschen um ihn starren ihn unentwegt an, machen Grimassen oder wenden sich mit Abscheu von ihm. Später fühlte er sich von Leichenduft umgeben oder sah überall Leichenteile. Im Juni 1912 wurde Siegfried eine “unheilbare geistige Erkrankung” diagnostiziert, die später zu seiner Entmündigung führte. Im gleichen Jahr noch wurde er in die psychiatrisch Anstalt Neufriedenheim eingewiesen. Von dort aus machte er mit dem Psychiater und ärztlichen Betreuer, Dr. Rehm, Ausflüge in die Münchner Umgebung.

Der Vorfall beim Lidl in Seeshaupt ...

Der Starnberger See gefiel dem kranken Herzog als Ausflugsziel. Hierher kam er oft und gerne. Ein Vorfall in Seeshaupt am 28. Juni 1917 war für die damalige Zeit so schwerwiegend und pikant, dass er am Ende in der Entmündigung des Herzog gipfelte. Das Ansehen der königlichen Familie litt und musste geschützt werden. Was war geschehen? An besagtem Tag im Juni war Herzog Siegfried in das kleine Fischerdorf Seeshaupt gereist und wollte dort, in der Badeanstalt der Lidls, zum Schwimmen im Starnberger See gehen. Dies tun heute viele Menschen jeden Morgen im Biergarten Lidl. Soweit also nichts ungewöhnliches. Man ließ den Herzog in eine der Umkleiden gehen, die das große Bad hatte. Als er sich die Badehose angezogen hatte, nahm er jedoch nicht den Ausgang, der in den See führte, sondern ging zurück auf den großen Vorplatz der Badeanstalt.

Ein hübscher, junger Mann war Siegfried. Die Schicksalsschläge trafen den Herzog in Bayern hart in seinem frühen Leben. Waise, geisteskrank, entmündigt, tragisch

Ein hübscher, junger Mann war Siegfried. Die Schicksalsschläge trafen den Herzog in Bayern hart in seinem frühen Leben. Waise, geisteskrank, entmündigt, tragisch

Heute erinnert nichts mehr an diesem schönen Platz vor dem Biergarten Lidl an die traurige Geschichte von Siegfried, Herzog in Bayern

Heute erinnert nichts mehr an diesem schönen Platz vor dem Biergarten Lidl an die traurige Geschichte von Siegfried, Herzog in Bayern

Ein Bild aus glücklicheren Tagen. Herzog Siegfried in Bayern und seine Ehefrau, Erzherzogin Maria Annunziata, eine Nichte des österreichischen Kaisers Franz Joseph I.

Ein Bild aus glücklicheren Tagen. Herzog Siegfried in Bayern und seine Ehefrau, Erzherzogin Maria Annunziata, eine Nichte des österreichischen Kaisers Franz Joseph I.

„Er stürzte senkrecht auf den Kopf und blieb regungslos liegen.“

Augenzeuge des tragischen Unfalls von Herzog Siegfried am 23. Juni 1899

Aufregung beim Lidl in Seeshaupt

Hier waren viele Menschen versammelt, darunter auch Damen und Kinder. Der Herzog trat vor diese hin und als ihn alle ansahen, zog er die Badehose herunter und stand nackt vor der erschrockenen Menschenmenge. Eine Weile stand er wohl so, was noch mehr Vorbeikommende aufmerksam machte. Als ihn nun die vielen Menschen anstarrten, nahm Siegfried seinen mittlerweile stark erigierten Penis in die Hand und begann genüsslich zu onanieren. Den Kindern wurden sogleich die Augen zugehalten und die Damen starrten beschähmt zu Boden. Große Aufregung und Entrüstung brachen aus und die Gendarmerie wurde verständigt. Sie sollte die peinlichen Szene schnellstmöglich beenden. Zum Glück dauerte es nicht lange, bis die Gendarmen eintrafen, denn der kleine Ort Seeshaupt hatte damals noch eine eigene Gendarmeriestation. Zur Rede gestellt, tat Herzog Siegfried so, als wäre nichts geschehen und als wisse er gar nicht, was die Aufregung um seine Person eigentlich solle. Bei den Ermittlungen der Seeshaupter Gendarmerie stellte sich heraus, dass Herzog Siegfried schon ein paar Tage vorher, ohne die Erlaubnis seiner Ärzte, nach Seeshaupt gekommen war und sich schon in ähnlicher Weise benommen hatte. Die Einsicht, etwas Falsches oder gar Strafbares getan zu haben, hatte der Herzog nicht. Erst als man Ihm eröffnete, er könne nun nicht mehr nach belieben mit der Kutsche ausfahren, räumte er ein, wohl eine große Dummheit begangen zu haben.

Der Herzog wird entmündigt

Weniger als einen Monat nach diesem Vorfall in der Badeanstalt Lidl in Seeshaupt, im Juli 1917, wurde ein offizielles Entmündigungsverfahren gegen Herzog Siegfried eingeleitet. Die Psychiatrie steckte noch in ihren Anfängen, ganz zu schweigen von der Neuropsychiatrie und so wird wohl nie geklärt werden können, ob seine geistige Erkrankung wirklich auf den Reitunfall aus dem Jahr 1899 zurückzuführen war oder um eine erbliche Geistesschwäche handelte, die nach zeitnah nach dem Unfall ausbrach. Geisteschwäche war in den Adelsfamilien durch die standesinternen Vermählungen über Jahrzehnte und Jahrhunderte keine Seltenheit. Das ganze Verfahren war auch deshalb so delikat, weil dem bayerischen Volk die Vorkommnisse des Juni 1886 noch in schlechter Erinnerung geblieben waren. Damals wurde König Ludwig II. für Geisteskrank gehalten und in Schloss Berg am Starnberger See interniert. Wenige Tage danach war der bayerische Märchenkönig tot. Im See ertrunken, hieß es. Eine heikle Situation. Im Entmündigungsverfahren gegen Herzog Siegfried wurde darum juristisch und medizinisch äußerst korrekt und mit Umsicht vorgegangen. Am 29. Mai 1918 wurde der Wittelsbacher Herzog dann formell entmündigt und Justizminister Ferdinand von Miltner als sein Vormund in allen Bereichen eingesetzt. Seine Brüder Christoph und Luitpold kümmerten sich um ihn, bis Herzog Siegfried am 12. März 1952 in München, im Alter von 75 Jahren, starb. Er ist in der Pfarrkirche St. Quirinus am Tegernsee beerdigt. Als Siegfried in Bayern seinen letzten Atemzug tat, war er fast die Hälfte seines Lebens wegen Geisteskrankheit unter Vormundschaft gestanden. Der Vorfall, der auf uns heute fast erheiternd wirkt, hatte damals nahezu das Potential eine Krise auszulösen. Eine Geschichte, die an Tragik kaum zu übertreffen ist.

Die alte Badeanstalt Lidl in Seeshaupt am Starnberger See. Der Ort des für die königliche Familie äußerst delikaten Vorfalls mit Herzog Siegfried in Bayern

Die alte Badeanstalt Lidl in Seeshaupt am Starnberger See. Der Ort des für die königliche Familie äußerst delikaten Vorfalls mit Herzog Siegfried in Bayern

Damals und heute. Lidls Badeanstalt zog hier einst die Gäste zum Schwimmen an, heute tun dies Brotzeiten, Steckerlfisch und ein kühles Bier im Biergarten

Damals und heute. Lidls Badeanstalt zog hier einst die Gäste zum Schwimmen an, heute tun dies Brotzeiten, Steckerlfisch und ein kühles Bier im Biergarten

Quellen:

Heinz Häfner:
„Ein König wird beseitigt: Ludwig II. von Bayern“

Norbert Nemec:
„Erzherzogin Maria Annunziata (1876-1961)
Die unbekannte Nichte Kaiser Franz Josephs I.“

Mein persönlicher Dank geht an

Dr. Felix Sommer:
„Psychiatrie und Macht: Leben und Krankheit König Ludwig II. von Bayern“

Lieber Felix Sommer, 1000 Dank, dass Sie mich auf diese Geschichte gebracht haben.

„Unser Respekt und unser Mitgefühl gehen an Siegfried, Herzog in Bayern. Wir erzählen diese Geschichte nicht um über ihn zu lachen sondern um zu verhindern, dass er vergessen wird. Er möge in Frieden ruhen“